Ein Leben in Kisten
Das dünne Heftchen hat schon bessere Tage gesehen. Die blaue Farbe der Hülle ausgebleicht, die rechte, obere Ecke eingeknickt, der Umschlag ausgefranst. Vorne, auf dem mit dünnen, schwarzen Linien bedruckten weißen Feld, benennt eine weibliche, akkurate Handschrift, was ich gerade in den Händen halte: Haushaltsbuch – vom 1.7.1957 bis 31.12.1966.
Vorsichtig, als könne das Papier schon beim kleinsten Kontakt mit menschlicher Haut zu Staub zerfallen, öffne ich das Heft und spähe unsicher auf angegilbte Seiten. Ich beginne zu lesen, was in der gleichen, sorgfältigen Schrift mit blauer Tinte vor über 50 Jahren festgehalten wurde. Jeder Buchstabe scheint mit Bedacht gewählt, um zusammen mit seinen Sinn gebenden Nachbarn jedes Detail penibel genau festzuhalten. Jede Zeile erzählt ihre eigene Geschichte. Mit wenigen Zeichen führt mich dieses Heft in eine Vergangenheit zurück, die ich nicht kenne, nicht kennen gelernt habe, nicht kennen kann. Und dennoch kann ich sie berühren. Den winzig kleinen Teil einer Vergangenheit, entnommen einer der vielen Kisten, ein letztes Mal geöffnet.
Am Ende seines Weges hinterlässt ein Mensch nicht weniger als sein ganzes Leben. Erinnerungen auf Papier, Fotos und Postkarten, Geschichten in Büchern, Alben, Kalendern und Heften. Ja, auch auf kleinen Zetteln, auf denen letzte Notizen unvollendet bleiben. Doch bleibt es nicht bei diesen offensichtlichen Fundstücken eines Lebens. Oftmals verbergen sich dort die spannendsten Geschichten, wo von außen betrachtet materielle Werte den tieferen Sinn verschleiern.
Der Esstisch mit seinen samtbepolsterten Stühlen, an dem die Familie unzählbare Male zusammen gesessen hat. Die besonders breite Fensterbank zur Straße hin, die Kindern, Eltern, Großeltern und selbst dem Hund immer Aussicht, häufig Halt und nicht selten Orientierung geboten hat. Und selbst eine scheinbar schlichte Teetasse wird Kraft der Erinnerung eines kleinen Jungen zu einem Symbol der Verbundenheit, einer Verbundenheit mit dem, was vergangen ist.
Und so nehme ich diese Teetasse ebenso aus der Kiste, in der bereits das dünne, ausgebleichte Heftchen zwischen den vielen Fotos, Briefen und Büchern gelegen hat. Doch obwohl in dem Heftchen alles penibel genau notiert, auf jedem Foto ein einzigartiger Moment festgehalten und in den Kalendern das Datum eines jeden Momentes fixiert ist: Es ist die Tasse, die mir ihre Geschichte am klarsten offenbart. Sie ist es, wegen der ich keine Fotos benötige, um Bilder der Erinnerung in meinem Kopf zu erzeugen. Und sie ist es auch, wegen der ich die Kiste so vorsichtig getragen habe.
© MLM 2011
